Show your Style x Urine.Ost

Unser neuer Show Your Style widmet sich Urine.Ost , mehr erfahrt ihr hier im Interview.

Wann hast du mit Graffiti angefangen?
Nun kenne ich dich auch persönlich. schon länger und weiß das du früher einen anderen style gefahren hast. Im vergleich zu den heutigen Sachen die du machst sieht man einen deutlichen Stylewechsel. Woher kam dieser plötzlicher wechsel, hätte ein neuer Name es nicht auch getan?

Name: Urine
City: Leipzig
Crew: OST Crew

Ich habe so 1996/97 angefangen mich für Graffiti zu interessieren. Ich war damals oft in Dresden und habe auf den Fahrten die alten bunten MOB- und IAC-Teile gesehen. Später fand ich die AKS-Bomben sehr anregend. Ich habe dann nach ersten Versuchen mit Schuhcreme von meinem Vater, 1998 mein erstes Bild mit Baumarktdosen gemalt. Ein übelst hässlicher B-Boy Charakter, der auch direkt weggecrosst wurde. Durch eine Backspin konnte ich dann später richtige Dosen bestellen und malte mit einem Freund, der heute noch zur Crew gehört, die ersten Pieces an der örtlichen Hall. Später habe ich dann mit einem Klassenkameraden und ein paar anderen meine erste Crew gegründet und angefangen unsere Kleinstadt zu bespielen. Durch den Kontakt zu aktiven Leuten aus Berlin sind wir dann 2001zur OST Crew geworden und haben angefangen, auch im größeren Umkreis, unsere Umwelt zu bomben.

Grundlegend halte ich nicht viel davon andauernd seinen Namen zu wechseln… irgendwie untergräbt das ja auch den Sinn von Graffiti. Letztlich will man ja seinen Namen verbreiten und da macht es sich gut, wenn man auch bei einem bleibt. Aber…wie ist das gekommen?! Letztlich hatte sich für mich dieses gute alte Outline-Highlight-Seconds-Ding totgelaufen. Das schränkt einfach unheimlich ein. Deshalb bin ich dann wieder zu einem Style zurückgekehrt, der keine klassische Outlines mehr hat. Wegweisend waren für mich immer die KHC- und EMU-Leute aus Berlin… weil das Zeug jede gängige Konvention in Frage stellte und den Grundaufbau von Buchstaben neu interpretierte. Dadurch habe ich dann angefangen, Styles mit so wenig Schnulli wie möglich zu malen. Im Grunde waren das Tags mit flächigen Hintergründen – ohne Outline, ohne Fading, ohne Highlights. So gehe ich heute immer noch ran, wobei mein aktuelles Zeug sich aus der Auseinandersetzung mit der Ästhetik traditioneller hebräischer und arabischer Handschriften ergeben hat.

Man sieht derzeit viel von dir auf verlassenen Orte.
Wie wichtig ist/dir der Spot zu deinem Piece?

Im Grunde ist das Gesamtbild und die Stimmung für mich beim Malen entscheidend. Ein Bombing oder eine Hall kann mit den richtigen Leuten und gut gemacht auch sehr cool sein, aber grundlegend bevorzuge ich die Abgeschiedenheit und Ruhe im Abriss. Zudem muss man für gute Abriss-Spots auch einfach forschen, was einen riesigen Spaß macht und dich geschichtlich bildet. Man hat im Abriss vor allem den Vorteil, schon einen fertigen Background durch die vorhandene Wand an sich “gestellt” zu bekommen. Deshalb “kartografiere” ich in der Regel die Wände, die ich später machen will, um letztlich das Bild entsprechend der Wand zu konzipieren. Letztlich liegt da auch der größte Reiz in Bezug auf die Lost Places – nämlich anpassungsfähig sein zu müssen und mit den vorhandenen Rahmenbedingungen wie Wandgröße, -beschaffenheit, -farbe und den Lichtverhältnissen das Beste rauszuholen. Weiterhin ist sehr angenehm, dass die Bilder meist über Jahre stehen bleiben und man sie wie Halls smooth tagsüber machen kann… Und ganz klar, ja, ich würde immer aufgrund der Ruhe und den Fotos einen Abriss-Spot einer Hall vorziehen. (Wo sonst würde es auf einer Tour in der Fremde klargehen, dass dein Partner ungestört im Grünen seine Erkältung auspennen und kurieren kann, während du erstmal 2 Stunden eine Stelle suchen gehst… und natürlich auch findest…)

Für mich sind Abrissgelände sowieso was besonderes… in mitten der heutigen schnellen Welt verwehren sie sich der Zeit und bilden eine Insel der Ruhe .. ich kotze immer ab, wenn ich sehe, dass Toys diese atmosphärisch aufgeladenen Räume mit ihrer Scheiße zerstören… ich finde, da haben zu wenig “Sprüher” einen Sinn für Ästhetik. Leider…

Du magst die Abgeschiedenheit, gehst du lieber alleine los oder ist gib dir das gemeinsam malen mehr?
In deinen Bilder sieht man klar durchdachte Farbkombinationen. Wie wichtig ist dir dein Piece farblich zu gestalten?

1. Das hängt ganz davon ab. Ich favorisiere da nicht wirklich eins von beiden. Aber ganz klar bin ich niemand, der andere braucht, um seinen Arsch hochzubekommen. Wenn ich Bock habe, gehe ich malen… egal ob einer mitkommt oder nicht. Manchmal ist das auch besser, wenn man mit seinen Gedanken alleine ist – da kommen oft die besten Pieces bei raus. Wenn ich mit anderen malen gehe, dann sind das vor allem Freunde, mit denen ich eine gute Zeit haben will, oder es sind Treffen im Zusammenhang mit gut organisierten Konzeptwänden. Ich habe aber grundlegend wenig Interesse daran, auf Zwang mein Graffiti-Poesie-Album zu füllen. Wichtig ist für mich, dass es menschlich passt.
Meistens bin ich mit meinem Kollegen Mobar unterwegs. Wir sind nicht nur Freunde, sondern haben auch einen ähnlichen Anspruch an die Qualität und die Entwicklung von Graffiti. Wir ergänzen uns meist sehr gut und lernen viel voneinander, gerade weil wir so unterschiedlich an Buchstaben herangehen.

2. Das stimmt. Für mich ist die Farbe inzwischen zu einem sehr relevantem Gestaltungselement geworden. Harmonie und Kohärenz entsteht halt nur durch das Zusammenwirken aller Teile eines Styles. Früher war ich eigentlich immer gezwungen, meine Pieces mit Überhangauftragsdosen zu malen – da hatte ich oft keine Wahl und musste mit dem “leben”, was ich da hatte. Inzwischen kann ich aber aus dem Vollen schöpfen, was ich auch gern nutze.
Aber einen großen Anteil an den farblichen Konzeptionen hat wahrscheinlich auch mein Kollege Mobar, mit dem ich oft Combos male und der eigentlich immer eine gute Idee für ne frische Farbkombi hat. Wir suchen dann meist gemeinsam nach 2 bis 3 Grundfarbtönen in verschiedenen Helligkeitsstufen, die gut zusammen wirken – kunterbunte Chaos-Pieces gibt es bei uns nicht. So ein Herangehen spiegelt sich dann natürlich auch in den individuellen Arbeiten.

Zu dem legalen sieht man auch sehr oft euren crew Namen besonders an der Trainline. Auffällig dabei ist die Rot / Gelb Kombi die meist an jeder fast jeder Station wartet.
Wie wichtig ist dir heut noch das nächtliche malen?
Auch sieht man bei euren nächtlichen Aktionen meist immer euren gemeinsamen Namen Ost.
Für was steht die Ost Crew?

Hm… Bomben ist mir auf jeden Fall wichtig. Ich bin immer der Meinung, man sollte als Sprüher so breit aufgestellt sein, wie es die Lebenssituation zulässt.
Dass wir meistens den Crewnamen malen liegt, denke ich, hauptsächlich daran, dass sie uns sehr am Herzen liegt. Uns macht es auf jeden Fall mehr Spaß, in einer Nacht 5 gelb-rote Crewteile an einer Haltestelle rauszuhauen als dass jeder für sich seinen Egotrip fährt. Zudem haben diese gelb-rote Crewteile einfach den Vorteil, dass sie einen unheimlichen Wiedererkennungswert besitzen… und 3 einfacher strukturierte Buchstaben lassen sich bei einer gewissen Geschwindigkeit nun mal physisch schneller erfassen als 5 oder 6 verstylte. Da sind wir wahrscheinlich Pragmatiker…
Für mich steht unsere Crew in erster Linie für Freundschaft. Wir sind zwar alles total unterschiedliche Charaktere… aber uns verbindet, dass wir alle in einem kleinen sächsischen Gallien aufgewachsen sind und Zeit hatten, uns stilistisch, technisch und persönlich zu entwickeln. Jeder von uns hat einen eigenen Zugang zu Graffiti… und das ist auch gut so. Nichts ist schlimmer als einen CrewStyle-Einheitsbrei, bei dem sich nur gegenseitig kopiert wird. Daher würde ich sagen, dass die OstCrew weiterhin für Kreativität und Qualität steht.

Du bist schon eine ganze Weile dabei und hast die Anfänge des Internets mit bekommen. Was denkst du über das Thema Internet und Graffiti?
Fluch oder Segen?
Inwiefern hat dich sogar das Internet beeinflusst? Nutzt du selber Social-Media-Kanäle?

Wie bei allem im Leben gibt es Licht- und Schattenseiten. Ich bin auf jeden Fall froh, in meiner Entwicklung in den 2000ern, zusätzlich zu den Magazinen, die Seite farbsucht.de als Blick über den Tellerrand zur Verfügung gehabt zu haben. Auch Streetfiles habe ich später hart gefeiert. Aber die aktuelle Entwicklung in den Netzwerken empfinde ich schon als ziemlich befremdlich… da gibt es viele kontroverse Dinge, die früher nicht möglich gewesen wären. Das fängt einerseits bei der Unterwanderung durch den Kapitalismus an, z.B. wenn sich eine Schuhmarke ein cooles Image ergaunert, indem sie ihre Produkte durch Sprüher auf deren Seiten platzieren lässt. Und geht bis hin zu “Sprühern”, die voll den Popstar-Style fahren und auf ihren Seiten fast mehr Selfies als Pieces posten, irgendwelche Preisausschreiben veranstalten oder ihren tausendsten Full-Color-Scetch als den Shit des Jahrzehnts anpreisen… und dafür auch noch Zuspruch erhalten. Da verkehrt sich die Sache fast schon ins Absurde. Für mich findet Graffiti draußen beim Malen und nicht im Wohnzimmer statt.

Mit meiner eigenen Internetpräsenz habe ich mich lange zurückgehalten… warum weiß ich eigentlich auch nicht… wahrscheinlich einfach aus angelernter Grundskepsis. Aber nachdem ich immer wieder darauf angesprochen wurde, dass ich der Welt doch bitte nicht mein Zeug verheimlichen soll, habe ich mich schließlich breitschlagen lassen und seit letzten Jahr einen Instagram- und Facebookaccount auf dem ich meine Sachen veröffentliche.

Ich erinnere mich an ein Piece von dir was mich persönlich beeinflusst hat oder eher dazu gebracht hat die Sache etwas anders zu sehen. Deine Worte neben dem Bild waren ” Hip Hop brauch Graffiti, aber Graffiti kein HipHop.
In wiefern gehört Graffiti für dich in einer Kategorie gesteckt? Gibt es klare Grenzen für dich im Graffiti / Writing wo die Kunst anfängt?

Puh. Schwere Frage. Da könnte man Bücher drüber schreiben… Aber soviel zumindest: Kunst und Graffiti stehen, denke ich, in einem schwierigen Verhältnis zueinander. Schnittpunkt gibt es auf jeden Fall. Aber grundlegend ist Graffiti ja eine inhaltlich relativ flache grafische Gestaltungsform ähnlich der Werbung, dessen Mittelpunkt die bestmögliche Repräsentanz des Selbst durch einzigartige Buchstaben und Figuren ist – nicht mehr, nicht weniger. Dem gegenüber ist Grafik auf jeden Fall ein wichtiger Teil der bildenden Kunst. Jedoch würde ich definitiv den Großteil der heutigen Produktionen nicht als Kunst bezeichnen. Malen ist Handwerk. Genauso die Anwendung von grundlegenden Gestaltungsmitteln. Kunst ist aber etwas, was inhaltlich über die inhärente und als schön empfundene Ästhetik hinausweist. Es ist für mich nicht entscheidend wie realistisch etwas reproduziert werden kann oder wie genau man computergenerierte Grafiken auf große Wände übertragen kann. Wichtig ist für mich, dass inhaltlich mehr passiert als dass der Name in Graffitischrift zu lesen ist. Da geht die Bandbreite weit auseinander, was Kunst sein kann – von eine total progressiven Buchstabenstruktur, über kontextuell angelegte Bilder a la Rero, bis hin zur Aktions- und Interaktionskunst der Topsprayer oder von Roccos Bande, kann alles Kunst sein. Kunst fordert den Denkprozess und bezieht sich nicht auf Genauigkeit oder Schönheit… und dass man bei Stino-Styles und der zu 95% ultraflachen Streetart nicht groß Nachdenken muss, brauche ich nicht weiter auszuführen. Wo? Mit welchen Gestaltungsmittel? …und mit welchem Ziel entsteht etwas…das ist entscheidend. Das ist wie in der Malerei: der Entstehungskontext, die Intension und die angewendeten Mittel sind maßgebend für die Deutung eines Bildes oder einer Aktion als Kunstwerk. Daher ist für mich die Grenze zwischen den Polen fließend. Auch Trainbombing kann Kunst sein… an dieser Stelle verweise ich einfach mal auf das erste KCBR-VIDEO… “livelifelike”?!?

Was steht bei dir noch auf den Plan was du im Graffiti bereich noch erreichen möchtest?
Dein persönlichen Maßstab an Qualität in deinen Bilder erreichst du bestmöglich wie? 

Ich will vor allem weiterhin Spaß am Malen haben und weiterhin Länder, deren Geschichten und Menschen durch Reisen kennenlernen. Graffiti öffnet Pforten, die man als normaler Reisender meist nicht mal zu Gesicht bekommt…wie als ob man ein Stück unter die Oberfläche schauen kann.

…Indem ich so weiterarbeiten wie bis bisher… also dass ich unkonventionell an Graffiti herangehe, neue Wege suche und vielleicht am Ende auch interessante Verschränkungen von Buchstaben und figürlichen Illustrationen finde. Der Weg ist das Ziel… und weniger ist mehr;)

Und zum Ende, grüße gehen raus an?

Grüße gehen raus an: Mobar, Mie, Peter Fahr Junior, Kafor, Pizar, Sefoe, Mekor, Saenelli, Norm, Köter, Graff.Funk den ollen Wahni, Montana Hardcore wegen der guten Performance im Abriss und den Farbreihen…und das Farbsucht-Team – Danke für den jahrelangen Support💪