Graff.Funk Blog Report x JUPITER

Wir haben in den letzten Tagen auf unsere Facebook Seite schon mehrfach angekündigt, dass wir für euch ein paar echte Exclusiv-Fotos haben. JUPITER, der junge Fotograf aus Köln, zeigt bei uns exklusiv ein paar seiner Fotografien. Wir baten JUPITER sich uns mal vorzustellen. Hier in voller Länge der Graff.Funk Blog Report x JUPITER!

JUPITER:

Aus meiner Sicht soll die Kunst frei sein, und der Phantasie, in jeder vorstellbaren Form, Ausdruck verleihen. Daher sehe ich keine ›richtige‹ Form, die – was letztlich das Ziel ist – Alternativen ausschließt. Richtig ist dagegen, seiner Phantasie Ausdruck zu verleihen.

Meine ästhetischen Vorstellungen und meine Auffassung von Kunst wurden wesentlich von der russischen Avantgarde, vom Konstruktivismus und Suprematismus geprägt. »El Lissitzky« und »Malewitsch«, später auch »Kljun«, »Kudrjaschew« und »Popowa«, aber auch »Kandinsky«, haben mich maßgeblich beeinflusst. Im Konstruktivismus-Suprematismus geht es wesentlich um die Organisation der Fläche und des Raums. Um geometrische Formen, die in einem gespannten Verhältnis zur freien Fläche stehen. Um Kontrapunkte, Linien, Flächen und Farben. Insbesondere die Kombination aus geometrischen Formen und kryptischen Schriftzeichen, die ich in den Werken von »El Lissitzky« fand, sprach mich an. Natürlich waren die Schriftzeichen in Wahrheit nicht kryptisch und hatten eine Bedeutung, die sich mir aber nicht unmittelbar erschloss. Daher fügten sie sich mit der Geometrie zu einem abstrakt-dadaistischen Gesamtkonzept.

Kandinskys Bilder erschienen mir dagegen vielfach sehr kompliziert und zu weit entfernt von der prägnanten Schlichtheit, die mir vorschwebte. Anders sein Buch ›Punkt und Linie zu Fläche‹, das mich besonders beeindruckte. Der weitere prägende Einfluss kam von der Architektur, hauptsächlich von »Oscar Niemeyer«. Seine freie und plastische Architektur, mit ihren harmonisch-gebogenen Kurven, stand in völligem Kontrast zu der bizarren Kantigkeit, wie sie das Bauhaus propagierte. Sicher, »Rodtschenkos« Fotografien haben mich besonders beeindruckt. Seine gekippten Horizonte und die Betonung von Struktur und Kontrast, wofür ›Mädchen mit Leica‹ ein Beispiel ist, fand ich sehr ungewöhnlich. Er und andere Fotografen haben zwar im Endeffekt das geprägt, was ich in der Summe für gute Fotografie halte, formal oder inhaltlich haben sie mich aber nicht direkt beeinflusst. – Ein fotografisches Vorbild für meine Nacht-Fotografie habe ich nicht.

Man kann also sagen, dass meine Vorstellung von Kunst und dem, was ich für ideale Gestaltung halte, eine Mischung aus den geometrischen Formen des Konstruktivismus und den Kurvaturen Niemeyers ist. Diese formalen Ideale sehe ich immer wieder in Graffiti-Arbeiten verwirklicht. Deren Urheber sind für mich deshalb besondere Maler, weil sie – aus meiner Sicht – die Formensprache des Konstruktivismus, kombiniert mit gebogenen Elementen, in die Gegenwart übersetzen. 

Styles die – zumindest überwiegend – aus Kurven zusammengesetzt sind, sprechen mich besonders an, weil ich in ihnen die Dynamik einer fließenden Bewegung sehe, die sich in ein Bild übersetzt. Im Kontrast zu den gekurvten Objekten, stehen Formen, die ich als ›bizarr‹ bezeichnen würde. Sie sind – ähnlich wie die gotische Architektur – durch das Zusammentreffen hauptsächlich gestreckter Objekte in spitzen Winkeln gekennzeichnet. Oft treten ›Industrial‹ bzw. ›Science-Fiction‹ Elemente hinzu, die insgesamt eine morbide Optik entstehen lassen. Dann sind da die komplexen Konzeptionen, an deren Ende eine ornamental wirkende Gestalt steht, die mitunter an komplizierte Gewebe, wie die Muster persischer Teppiche, erinnern kann. 

Bemerkenswert erscheint mir eine Form der Gestaltung, die mit Verfremdungen und Versatzstücken unterschiedlicher Auffassungen arbeitet und diese dann in einer Art, die der Collage-Technik ähnlich ist, zu einem Gesamtgefüge arrangiert. Mitunter sind auch Zitate aus der klassisch-modernen Malerei erkennbar. Auch klar und gut lesbar ausgeführte Block-Schriften, die sich stärker an der historischen Gestalt der Buchstaben orientieren, haben ihren Reiz. Daneben gibt es Maler, die äußerst strenge, sachliche, manchmal nach Farben getrennte und immer präzise Objekte an die Wände bringen. Diese erscheinen mitunter, als seien sie unter Verwendung von Senkblei, Lineal und Zirkel entstanden. Was in einigen Fällen offenbar tatsächlich der Fall ist. Natürlich gefallen mir auch rohe Arbeiten, die eine archaische Komponente betonen, plastisch-figurative Umsetzungen oder Comic-artige, flächige Figuren. Ich bin sicher kein Experte in Sachen ›Style‹. Vielmehr muss ich mir die Charakteristiken der unterschiedlichen Gestaltungs-Wege mit meinen eigenen Begriffen erklären, um sie zu verstehen. Da ich selbst kein Maler bin, sehe ich Graffiti eher von außen. Das hat auch zur Folge, dass ich die Pieces als fertige, abgeschlossene Bilder und weniger als Prozesse ansehe. In meiner Fotografie stehen ebenfalls die Ergebnisse – und weder die Maler als Personen noch die Bild-Entstehung – im Vordergrund. Die Arbeiten der Maler sehe ich gleichwertig und auch gleichberechtigt nebeneinander. Ein Gestaltungsweg oder eine Richtung, erscheint mir dabei nicht grundsätzlich ›besser‹ als eine andere. Ein Bild ist in meinen Augen, als Verwirklichung einer Vorstellung, ein legitimer Ausdruck eines Malers, der in jedem Fall Respekt verdient. Natürlich gelingt dieser Ausdruck mal mehr und mal weniger…

Meiner Auffassung nach ist ein Mensch, der sich gestalterisch ausdrückt, ein Künstler. Für den gestalterischen Ausdruck selbst sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen letztlich nicht so entscheidend. Denn ein künstlerischer Akt bleibt auch dann ein künstlerischer Akt, wenn er z.B. von den jeweils herrschenden Institutionen oder Verhältnissen aus bestimmten Gründen als unerwünscht oder unpassend stigmatisiert wird. Entscheidend ist der schöpferische Akt des Individuums, welches – in Form der Übersetzung seiner Phantasie in die Wirklichkeit – das Kunstwerk erschafft. Dabei sollte das Individuum seiner Vor-stellung, seiner Richtung, seinem Ideal und nicht einer externen Vor-gabe, einer Richtlinie oder Doktrin folgen, wie ich meine.

Ein sehr wichtiger Aspekt ist – ohne Zweifel – die non-konformistische Haltung, die hinter Graffiti steckt. Oft entstehen Bilder an Orten, oder auf Objekten, die in jedem Fall eine Grenz-Überschreitung voraussetzen. Die Bilder der Maler zeugen in diesem Kontext vielfach von Mut, Organisationstalent, Risikobereitschaft, Entschlossenheit und Reaktionsvermögen. Das heißt, die persönlichen Eigenschaften, die den Malern in dem Zusammenhang zugeschrieben werden, fließen mit in die Betrachtung der Arbeiten ein. Dabei kommt es dann nicht mehr so sehr darauf an, ob das Bild nun in stilistisch-technischer Hinsicht ein herausragendes Werk ist. Entscheidend ist in diesem Moment vor allem der Kontext: – Eine klare Absage an die Dominanz von Gesetz und Eigentum.  

Offenbar existiert also – jenseits der künstlerischen Seite – eine Phantasie, die den Rahmen des Gewöhnlichen überschreitet. Eine Phantasie, die sich auf das Mögliche und das Machbare richtet und zweifellos – in der Realisierung – einige der oben genannten Eigenschaften voraussetzt. Im Endeffekt haben wir es also nicht nur mit realen Bilden, sondern außerdem mit genauso realen menschlichen Wesenszügen zu tun. Selbst wenn wir deren Wirklichkeit nicht in der gleichen Weise erfassen können, wie ein Bild, das wir unmittelbar vor uns sehen.

Natürlich ist das öffentliche Verständnis ein Problem, denn durch die Kriminalisierung wird die Rezeption von Graffiti geprägt. Aber, das ist auch eine Generationen-Frage, wenn auch nicht allein. Die jungen Leute, die heute aufwachsen, haben einen völlig anderen Zugang zu dieser Malerei, als es beispielsweise in früheren Generationen der Fall war. Graffiti gab es damals vereinzelt allerhöchstens in Form politischer Parolen. Heute dagegen ist es ein selbstverständlicher Bestandteil der Umgebung und vielfach ein prägendes Element des künstlerischen Erlebens, wenn nicht sogar der Erfahrung selbst.

Durch die Architektur kam ich zur Fotografie und später dann über diese zu Graffiti. Zur Nachtfotografie kam ich hauptsächlich, weil ich die Vorstellung hatte, mich unabhängig vom Tageslicht zu machen. Allerdings war ich Immer noch an das Licht gebunden: An das Umgebungslicht, das die Objekte in der Nacht meistens nicht sehr vorteilhaft aussehen lässt. Auch das Fokussieren bereitete Schwierigkeiten. Fotografien mit Blitz wollte ich nicht machen. Die Resultate, mit Reflexen – besonders bei Frontal-Aufnahmen – und abfallender Licht-Intensität in der Tiefe des Raums, waren nicht das, was ich mir vorstellte. Daher machte ich von Anfang an Langzeitbelichtungen. Ich entwickelte die Vorstellung eines von der Umgebung losgelösten Objekts. Eine ausschnittsweise, partielle Beleuchtung, ähnlich einem Suchscheinwerfer im nächtlichen Himmel oder einem Lichtkegel im Theater. Formal schwebten mir Bilder vor, die den Gemälden von »Kudrjaschew« ähnlich waren: strahlend leuchtende Objekte, losgelöst schwebend in einem schwarzen Nichts. Meine starke Affinität zu Form, Farbe und Gestaltung sehe ich in Graffiti verwirklicht. Das Licht bringe ich selbst mit. In der Summe entsteht eine ästhetische Fotografie, die den schöpferischen Aspekt der Graffiti-Malerei in den Fokus rückt. Ziel meiner Fotografie ist, Graffiti in einer bestimmten, speziellen Atmosphäre zu zeigen und dadurch zu überhöhen. Je dunkler es ist, desto besser lässt sich das verwirklichen. Ich füge den Bildern weder etwas hinzu, noch will ich sie irgendwie ›verbessern‹. Aus meiner Sicht gibt es auch nichts zu verbessern. Denn die Bilder sind so, wie die Maler sie schaffen wollten. Die Welt ist eine Andere in der Nacht. Objekte, Formen, Farben und Texturen verschwinden oder erscheinen nur schemenhaft. Ihnen fehlt die plastische Präsenz, die ihnen am Tag durch die gleichförmige Helligkeit verliehen wird. Durch die selektive Ausleuchtung einzelner Bereiche, gewinnen diese ihre Plastizität zurück, während die übrige Umgebung in der Dunkelheit verschwindet. Dadurch ergibt sich ein surrealer Aspekt, der so wie er später in der Aufnahme erscheint, in der physischen Wirklichkeit nicht existiert. Eine abstrahierte Form der Fotografie, die im Zusammenklang von Objekt, Zeit, Bewegung und Licht deren Gleichzeitigkeit suggeriert. Das fertige Foto hat mit meiner Tätigkeit, die eine Bewegung mit dem Licht vor einer Wand ist, nicht sehr viel zu tun. Meine reale Erfahrung in diesem Moment ist eher einer sportlich-gymnastischen Übung ähnlich, als der Fotografie. Oder zumindest dem, was man sich gemeinhin unter Fotografie vorstellt. Durch die Verwendung des Lichts ist es grundsätzlich möglich, an jedem Ort und zu jeder Zeit solche Fotos zu machen. Natürlich kann es sein, dass die Umgebung die Möglichkeiten der Bewegung oder der Positionierung der Kamera einschränkt.

Ein Sonderfall sind die Aufnahmen, die Reflexionen auf Wasserflächen mit einschließen. Sie sind nur an speziellen Orten und unter bestimmten äußeren Bedingungen möglich. Besonders Wind und Regen führen zu Unschärfen, die das Ergebnis beeinträchtigen können. Bei vielen Aufnahmen ist ein Bild mitsamt seiner Spiegelung mehr oder weniger vollständig abgebildet. Bei Anderen stehen die Spiegelungen für sich. Im Idealfall eingefasst in die klar umrissene Begrenzung einer Pfütze. Dabei wird das Licht verwendet, das von der Wand auf die Wasseroberfläche reflektiert wird.Durch meine Aktivität, die sich über einen Zeitraum von einigen Jahren erstreckt, sind tausende Nacht-Aufnahmen entstanden. Ein großer Teil der Bilder, die im Lauf der Zeit an verschiedenen Orten gemalt worden sind, ist so festgehalten. Einige der Orte und die allermeisten Bilder existieren heute nicht mehr. Es handelt sich daher um ein umfangreiches Archiv, das lange verschwundene Arbeiten in der speziellen Nacht-Atmosphäre zeigt. Ich sehe mich selbst als jemanden, der in künstlerischer Weise Graffiti-Kunst – legale und illegale – fotografiert und diese in zweiter Linie dokumentiert. Die Gestaltungsvielfalt und Phantasie, die aus den Bildern spricht, ist beeindruckend. Immer wieder stelle ich Touren durch bestimmte Quartiere zusammen, um das, was auf der Straße entsteht zu fotografieren. In Gegenden, wo ich selbst keine Ortskenntnis habe, organisieren auch manchmal andere diese Routen für mich.

Mit der Dunkelheit als solcher, die meine fotografische Wirklichkeit ist, habe ich kein Problem. Die nächtliche Umgebung hat den Vorzug, dass man mit den Bildern – mehr oder weniger – allein ist. Man kann sich besser auf Positionierung und Einrichtung der Kamera konzentrieren und wird von Licht, Formen und Farben mehr vereinnahmt als das am Tag der Fall ist. Mit anderen Worten, die Nacht ermöglicht mir, mich in die Sache hineinzugeben. Denn in der Nacht kann ich weitgehend selbst entscheiden, was in welcher Form sichtbar sein soll. Ein Aspekt, der sich – in dieser Form – bei Tageslicht nicht verwirklichen lässt. 

Danke JUPITER für diesen Einblick in deiner Arbeit. Wir werden natürlich weiterhin von dir berichten. Zum Abschluss nochmal die beiden Profile wo ihr außerdem Jupiters arbeiten folgen könnt! http://streetpins.com/members/Jupiter https://www.flickr.com/photos/jupiter-jpt ( Fotonutzung nur mit Nammensnennung, all Fotos by JUPITER https://www.flickr.com/photos/jupiter-jptr/)